Johannes, der Sohn des Zebedäus und Bruder des Jakobus, gehörte zum engsten Kreis der Jünger Jesu. Zusammen mit Petrus war er Zeuge der Verklärung auf dem Berg Tabor und der Todesangst Jesu im Garten Gethsemane. Im vierten Evangelium begegnet uns ein Jünger, den Jesus liebte – der Lieblingsjünger. Die Überlieferung des frühen Christentums identifiziert ihn mit Johannes, dem Sohn des Zebedäus. Sein Gedenktag fällt auf den 27. Dezember – mitten in die Weihnachtszeit, zwischen dem Erzmärtyrer Stephanus (26. Dezember) und dem Tag der Unschuldigen Kinder (28. Dezember). Das ist kein Zufall: Die Kirche stellt den großen Zeugen des Lebens Jesu unmittelbar neben das Weihnachtsfest, denn was wäre die Geburt des Herrn ohne das Zeugnis derer, die ihn erkannt haben?
Die Weisheit, die von Anfang an war (Sprüche 8, 22–36)
Die Lesung aus den Sprüchen führt uns zur Weisheit Gottes, die vor aller Schöpfung war: „Der HERR hat mich am Anfang seiner Wege, als das Erste seiner Werke von alters her, erschaffen.“ Diese göttliche Weisheit ist kein abstrakter Begriff – sie ist das schöpferische Wort Gottes selbst, das freudig bei ihm war, als er die Erde gründete und die Himmel ausspannte. Das Johannesevangelium beginnt bewusst im Widerhall dieser Weisheitstradition: „Im Anfang war das Wort.“ Was die Sprüche in Bildern vorwegnehmen, hat Johannes mit eigenen Augen gesehen: Dieses ewige Wort ist in Jesus Christus Fleisch geworden. Seine Freude war bei den Menschenkindern – und seine Freude ist es bis heute.
Was wir gehört und gesehen und berührt haben (1. Johannes 1, 1–4)
Der erste Johannesbrief eröffnet mit dem dichtesten Zeugnis-Bekenntnis der ganzen Schrift: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unseren Augen, was wir geschaut und unsere Hände betastet haben vom Wort des Lebens.“ Hier spricht kein Theoretiker. Johannes bezeugt eine Begegnung, die alle menschlichen Sinne erfasst hat: Hören, Sehen, Berühren. Diese dreifache Leibhaftigkeit ist kein stilistischer Schmuck, sondern das Herzstück christlichen Zeugnisses. Der Glaube gründet nicht auf Spekulationen über das Göttliche, sondern auf der unerhörten Tatsache, dass das ewige Leben sichtbar geworden ist und unter uns war. Dieses Zeugnis schreibt Johannes auf, „damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“ Das ist das Geschenk, das er weitergeben will: nicht Wissen, sondern Gemeinschaft.
Der Jünger, der blieb (Johannes 21, 20–24)
Am Ende des Johannesevangeliums begegnet uns der Lieblingsjünger noch einmal. Petrus, der gerade die dreifache Frage nach seiner Liebe beantwortet hat und seinen eigenen Tod vorausgesagt bekommt, fragt Jesus nach dem anderen: „Herr, was soll aber dieser?“ Jesu Antwort ist bemerkenswert lakonisch: „Wenn ich will, dass er bleibt, bis ich komme, was geht es dich an?“ Dieses „Bleiben“ wurde zum Kennzeichen des Johannes in der Überlieferung: Er war der einzige der zwölf Apostel, der nicht den Märtyrertod starb. Er blieb – als Zeuge, als Schreiber, als Hüter der Erinnerung an Jesus. Das Evangelium schließt mit dem Satz: „Dies ist der Jünger, der von diesen Dingen Zeugnis ablegt und diese Dinge geschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist.“
Johannes hinterließ das reichste literarische Erbe eines einzelnen Apostels: ein Evangelium, drei Briefe und die Offenbarung. Sein Zeugnis trägt uns bis heute. Und es mündet in den Auftrag, den der Auferstandene allen Jüngern gab – und der auch an uns ergeht: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur (Markus 16, 15b).