Mariä Heimsuchung - oder Tag des Besuchs Marias bei Elisabeth - erinnert an den Besuch der Gottesmutter Maria bei ihrer Verwandten Elisabeth – ein Ereignis, das der Evangelist Lukas in einem der leuchtendsten Abschnitte seines Evangeliums schildert (Lukas 1,39–56). Maria, die soeben erfahren hat, dass sie das Kind des Höchsten empfangen hat, macht sich ohne Zögern auf den Weg in die Stadt Judas, um der greisen Elisabeth beizustehen, die in ihrem hohen Alter schwanger ist.
Was sich bei dieser Begegnung ereignet, ist mehr als ein freundlicher Verwandtenbesuch: Es ist das erste Zeugnis des Evangeliums. Als Maria Elisabeth grüßt, hüpft das Kind im Mutterleib – Johannes der Täufer erkennt, noch ungeboren, den Herrn und antwortet mit Jubel. Elisabeth, vom Heiligen Geist erfüllt, ruft aus: „Gelobt bist du unter den Frauen, und gelobt ist die Frucht deines Leibes!“ (Lukas 1,42). In diesem Ausruf klingt das ganze Evangelium an: Der Herr selbst ist zu uns gekommen. Selig aber, so fügt Elisabeth hinzu, ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllen wird, was ihr vom Herrn gesagt wurde (Lukas 1,45). Glaube und Freude gehören hier untrennbar zusammen.
Maria antwortet auf diesen Gruß mit dem Magnificat – dem großen Lobgesang, der in seiner Kraft und Tiefe Psalm 113 aufgreift und neu entfaltet. „Meine Seele erhebt den Herrn…“ Der Psalm preist Gott, der in seiner unbegreiflichen Majestät den Niedrigen aus dem Staub aufrichtet und der Unfruchbaren ein Heim gibt, sodass sie zur fröhlichen Mutter von Kindern wird (Psalm 113,7–9). Genau dies vollzieht sich in Maria: Die junge Magd aus Nazareth wird Trägerin des Retters der Welt. Und genau dies vollzieht sich in Elisabeth: Die als unfruchbar Geltende trägt den Wegbereiter Christi. Das Lied Marias ist kein stilles Privatgebet – es ist eine Proklamation: Gott überwirft die Ordnungen der Welt. Die Gewältigen stürzt er vom Thron, und die Niedrigen erhöht er.
Hinter dieser Begegnung steht die uralte Verheßung, die Jesaja in seinem Bild vom Reis aus dem Stumpf Isais entworfen hat (Jesaja 11,1–5). Ein Spross soll aus der abgehauenen Wurzel Davids aufgehen – der scheinbar ausgestorbenen Königslinie –, und auf ihm wird der Geist des Herrn ruhen: der Geist der Weisheit und des Verstandes, des Rates und der Stärke, der Erkenntnis und der Gottesfurcht. Dieser Spross ist nun im Leib Marias Wirklichkeit geworden und auf dem Weg zu Elisabeth. In der kleinen, stillen Szene der Begrüßung zweier Frauen auf dem jüdischen Hinterland erfüllt sich, was Generationen erwartet hatten.
Das Briefwort des ersten Timotheusbriefes (1. Timotheus 3,16) fasst das Geheimnis dieser ganzen Heilsgeschichte in einen einzigen hymnischen Satz: „Er ist erschienen im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, gesehen von Engeln, gepredigt unter den Völkern, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.“ In der Begegnung zwischen Maria und Elisabeth beginnt genau das: Er ist erschienen im Fleisch – zunächst verborgen im Mutterleib, verkkündet durch einen Sprung in Elisabeths Leib, bejubelt im Lobgesang einer jungen Frau aus Nazareth. Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes, das dieser frühchristliche Hymnus besingt, trägt Maria leibhaftig in sich, als sie über die Hügel Judäas geht.
Mariä Heimsuchung lädt uns ein, Marias Haltung einzuüben: aufzubrechen, ohne zu zögern; den anderen in seiner Not aufzusuchen; das Evangelium nicht nur zu empfangen, sondern zu tragen – buchstäblich von Ort zu Ort. Und wo Christus hinkommt, leuchtet Freude auf: Der Täufer springt, Elisabeth jubelt, und Maria singt. Das Fest fällt in die grüne Trinitatiszeit und eröffnet uns mitten im Kirchenjahresalltag einen Moment des Staunens: Der Herr ist bei uns. Er trägt keine Königskrone, als er kommt – er kommt im Leib einer jungen Frau, die aufgebrochen ist, um zu helfen.