Der 27. Januar ist in Deutschland der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. An diesem Tag erinnert die Kirche gemeinsam mit unserer Gesellschaft an die Millionen Menschen, die entrechtet, verfolgt, gedemütigt und ermordet wurden – jüdische Menschen, Sinti und Roma, Menschen mit Behinderungen, politisch Verfolgte, Homosexuelle, Christinnen und Christen im Widerstand und viele andere.
Das Gedenken bewahrt die Erinnerung an unermessliches Leid und stellt uns zugleich vor die Frage nach unserer Verantwortung heute. Die biblischen Texte dieses Tages sprechen eindringlich von Schuld, Menschlichkeit und Hoffnung.
In der Geschichte von Kain und Abel aus dem 1. Buch Mose ruft Gott dem Täter entgegen: „Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ Kein Unrecht bleibt vor Gott verborgen. Die Opfer sind nicht vergessen. Gottes Frage „Wo ist dein Bruder?“ richtet sich auch an uns und erinnert daran, dass Menschen Verantwortung füreinander tragen.
Der 1. Johannesbrief mahnt zur Liebe untereinander und warnt vor dem Hass, der Menschen blind macht und Gemeinschaft zerstört. Gerade angesichts der Verbrechen des Nationalsozialismus wird deutlich, wohin Menschenverachtung, Ausgrenzung und ideologischer Hass führen können.
Im Evangelium nach Matthäus spricht Jesus den Menschen Mut zu: „Fürchtet euch nicht.“ Gottes Blick verliert keinen Menschen aus den Augen. Jeder Mensch besitzt unverlierbare Würde, weil er von Gott geschaffen und geliebt ist.
Der Psalm 126 schließlich bewahrt die Hoffnung, dass Gott Tränen verwandeln und neues Leben wachsen lassen kann: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.“ Diese Hoffnung nimmt das Leid nicht weg, aber sie bewahrt davor, zu resignieren.
So ist dieser Gedenktag ein Tag der Erinnerung, der Trauer und der Mahnung – und zugleich ein Ruf zu Menschlichkeit, Versöhnung und verantwortlichem Handeln in unserer Gegenwart.