Der 10. Sonntag nach Trinitatis wird in der evangelisch-lutherischen Tradition als „Israelsonntag“ begangen. Dabei haben sich im Laufe der Zeit unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte entwickelt, die beide ihren festen Platz in der kirchlichen Tradition haben. Deshalb können die Gottesdienste und Texte dieses Sonntags verschieden akzentuiert sein.
Zum einen steht der Israelsonntag unter dem Leitgedanken der bleibenden Verbundenheit von Kirche und Israel. Im Mittelpunkt steht dabei die Erinnerung daran, dass der christliche Glaube seine Wurzeln im Volk Israel hat und dass Gottes Bund und seine Verheißungen seinem Volk gelten. Themen wie Gottes Treue, Erwählung, Bund und die gemeinsame Hoffnung prägen diesen Schwerpunkt.
Zum anderen wird der Israelsonntag vielerorts auch als Gedenktag der Zerstörung Jerusalems verstanden. Dabei rücken die Erfahrungen von Verlust, Gericht, Klage und Hoffnung in den Vordergrund. Die Erinnerung an die Zerstörung des Tempels und Jerusalems verbindet sich mit der Frage nach Gottes Treue in Zeiten von Leid und geschichtlicher Erschütterung. Zugleich mahnt dieser Schwerpunkt zu Frieden, Versöhnung und einem verantwortungsvollen Verhältnis von Christen und Juden.
Beide Deutungen widersprechen sich nicht, sondern ergänzen einander. Sie machen sichtbar, dass Gottes Geschichte mit seinem Volk sowohl von Verheißung und Treue als auch von Klage, Umkehr und Hoffnung geprägt ist. Darum finden sich zum Israelsonntag unterschiedliche Predigttexte, Themenformulierungen und liturgische Akzente, die jeweils verschiedene Seiten dieses besonderen Sonntags hervorheben.
Der 10. Sonntag nach Trinitatis richtet den Blick auf die bleibende Verbundenheit von Kirche und Israel. Unter dem Thema „Zu Gottes Volk gehören" erinnern die biblischen Texte daran, dass Gottes Geschichte mit seinem Volk Israel Grundlage und Wurzel des christlichen Glaubens ist. Die Kirche lebt nicht losgelöst von Israel, sondern ist hineingenommen in Gottes Bund und seine Heilsgeschichte.
Der Psalm dieses Sonntags ist ein Lied der Freude über Jerusalem, die Stadt des Friedens und der Gegenwart Gottes. Der Beter ruft dazu auf, für den Frieden Jerusalems zu beten und die Gemeinschaft des Gottesvolkes zu suchen. Jerusalem wird zum Zeichen dafür, dass Gott Menschen zusammenführt und ihnen einen Ort seiner Nähe schenkt. In evangelisch-lutherischer Deutung bleibt Israel das zuerst erwählte Volk Gottes, durch das Gott seine Verheißungen und sein Heil in die Welt getragen hat.
Im zweiten Buch Mose begegnet Israel am Sinai dem lebendigen Gott. Dort spricht Gott zu seinem Volk: „Ihr sollt mein Eigentum sein unter allen Völkern.“ Israel wird berufen, Gottes Gegenwart und seinen Willen in der Welt sichtbar zu machen. Diese Erwählung ist kein Zeichen menschlicher Überlegenheit, sondern Ausdruck von Gottes freier Gnade und Treue. Die Kirche erkennt in diesem Bund ihren Ursprung und lebt aus den Verheißungen, die Gott zuerst Israel gegeben hat.
Im Römerbrief ringt Paulus um das Verhältnis von Israel und der Gemeinde Christi. Er betont, dass Gottes Gaben und Berufung Israel gegenüber nicht widerrufen werden. Die Kirche aus den Völkern darf sich deshalb nicht über Israel erheben. Vielmehr bleibt sie angewiesen auf die Wurzel, aus der sie selbst lebt. Nach evangelisch-lutherischem Verständnis wird deutlich: Gottes Treue zu seinem Volk bleibt bestehen, auch wenn Menschen seine Wege nicht immer verstehen können. Christen leben aus derselben göttlichen Barmherzigkeit, die Juden und Heiden gleichermaßen umfasst.
Das Evangelium nach Markus führt in die Mitte des Glaubens: das Doppelgebot der Liebe. Jesus verbindet die Liebe zu Gott mit der Liebe zum Nächsten und knüpft damit unmittelbar an den Glauben Israels an. Das „Höre, Israel“ bleibt Grundlage auch für die Kirche. Wer zu Gottes Volk gehört, lebt aus der Liebe Gottes und ist gerufen, diese Liebe weiterzugeben. So zeigt sich wahre Gottesnähe nicht allein im religiösen Bekenntnis, sondern im Handeln der Liebe und Barmherzigkeit.
Der Israelsonntag lädt dazu ein, die bleibende Verbundenheit von Kirche und Israel mit Dankbarkeit und Demut zu bedenken. Christen sind hineingenommen in Gottes Heilsgeschichte, die mit Israel begonnen hat und auf die Vollendung seines Reiches zuläuft. Wo die Kirche ihre Wurzeln vergisst, verliert sie auch das Verständnis für Gottes Treue und Gnade. Darum erinnert dieser Sonntag daran: Zu Gottes Volk gehören Menschen nicht durch eigene Leistung, sondern allein durch Gottes erwählende Liebe und seinen Bund, der trägt und verbindet über alle Zeiten hinweg.