Der 4. Sonntag nach Trinitatis steht in der evangelisch-lutherischen Tradition unter dem Thema „Einander annehmen". Die biblischen Texte dieses Sonntags richten den Blick auf die Barmherzigkeit Gottes, aus der heraus Menschen lernen, einander mit Geduld, Vergebung und Liebe zu begegnen. Christlicher Glaube zeigt sich nicht allein im persönlichen Vertrauen auf Gott, sondern auch darin, wie Menschen miteinander umgehen — besonders dort, wo Schuld, Verletzung und Konflikte das Zusammenleben belasten.
Der Psalm dieses Sonntags beschreibt die Sehnsucht eines Menschen nach Gottes Nähe: „Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ Inmitten von Traurigkeit und innerer Unruhe sucht der Beter Trost bei Gott und erinnert sich an seine Hilfe. Die evangelisch-lutherische Tradition erkennt darin die Erfahrung vieler Glaubender: Der Mensch bleibt auf Gottes Gnade angewiesen und findet erst in seiner Nähe Frieden und Halt. Wer selbst von Gott getragen wird, kann auch anderen mit neuer Geduld begegnen.
Die Geschichte von Josef und seinen Brüdern erzählt von Schuld, Angst und Versöhnung. Nach dem Tod Jakobs fürchten die Brüder Rache für ihr früheres Unrecht. Doch Josef antwortet nicht mit Vergeltung, sondern mit Vergebung und Fürsorge. Er erkennt, dass Gott selbst aus menschlichem Versagen Gutes entstehen lassen kann. So wird deutlich: Gottes heilendes Handeln eröffnet Wege der Versöhnung, wo Menschen eigentlich nur Trennung und Schuld sehen.
Im Römerbrief mahnt Paulus die Gemeinde, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Christen sollen dem Frieden nachjagen und das Böse durch das Gute überwinden. Diese Haltung entspringt nicht menschlicher Stärke, sondern der Erfahrung von Gottes Gnade. In lutherischer Deutung gilt: Weil der Mensch selbst aus Vergebung lebt, ist er frei, anderen nicht mit Hass oder Vergeltung zu begegnen. Die Liebe Christi verändert den Umgang miteinander und eröffnet neue Wege des Zusammenlebens.
Das Evangelium nach Lukas führt diesen Gedanken weiter. Jesus ruft zur Barmherzigkeit auf: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Er warnt davor, andere vorschnell zu richten, und fordert zur selbstkritischen Ehrlichkeit auf. Der Blick auf den „Splitter" im Auge des anderen darf nicht den eigenen „Balken" verdecken. Damit erinnert Jesus daran, dass niemand aus eigener Vollkommenheit lebt. Alle Menschen sind auf Gottes Vergebung angewiesen und dürfen deshalb auch einander mit Geduld und Verständnis begegnen.
So lädt der 4. Sonntag nach Trinitatis dazu ein, Gottes Barmherzigkeit neu zu vertrauen und daraus das Miteinander zu gestalten. Wo Menschen sich von Gottes Liebe tragen lassen, können Vorurteile, Schuld und Verletzungen überwunden werden. Einander anzunehmen bedeutet nicht, Schuld zu verharmlosen, sondern dem anderen mit derselben Gnade zu begegnen, die Gott jedem Menschen schenkt. So wächst Gemeinschaft aus Vergebung, Geduld und der Hoffnung auf Gottes erneuernde Kraft.